Tierschutz macht Schule

Geschichte & Wissen

An dieser Stelle werden sukzessive interessante Fakten aus Geschichte und Gegenwart zum Tierschutz in erzieherischer und sozialisatorischer Absicht zusammengetragen.

Was du nicht willst, dass man dir tu ... oder
Von der Sittlichkeitserziehung zur Kompetenzentwicklung

Bestrebungen, Kinder zu einem respektvollen Umgang mit Tieren zu erziehen, sind in der pädagogischen Literatur keineswegs neu. Vielmehr war dieser Gedanke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Aufrufen und Abhandlungen von Lehrern und Geistlichen sehr viel weiter verbreitet als es seit den beiden Weltkriegen bis in die Gegenwart der Fall ist.

Selbst der Gedanke, Kinder von vornherein als Vegetarier aufwachsen zu lassen, da dies der natürlichen, ursprünglichen Nahrung des Menschen entspreche, findet sich in der pädagogischen Literatur wieder, angefangen bei Jean Jacques Rousseau (1712-1778), genauer: im zweiten Buch seines Werkes Emil oder Über die Erziehung, das 1762 erstmals erschien.


Abb. 1: Frühes Zeugnis zum Tierschutz in erzieherischer Absicht
Quellenverweis zur Abbildung: http://www.bbf.dipf.de/cgi-opac/bil.pl?t_direct=x&f_IDN=b0012593berl

Die Abbildung stammt aus der Pictura Paedagogica Online, dem Digitalen Bildarchiv zur Bildungsgeschichte und gibt einen Kupferstich
wieder mit dem Titel Den Käfer quält das Kind. - Kupferstich (45 x 75 mm), aus: Neues A, B, C, Buch, nebst einigen kleinen Uebungen und Unterhaltungen für Kinder / Weiße, Christian Felix. - Leipzig, 1773. - Tafel IV <Anhang>

Die oben vermittelte Botschaft findet sich auch im württembergischen Pietismus wieder: Aus der
Bitte der armen Tiere (1822) von Christian Adam Dann und seinem Aufruf an alle Menschen (1832) sowie Albert Knapps Appell zur Gründung von Vereinen gegen die Tierquälerei (1838) gingen die entscheidenden Vorstöße zur Entstehung einer organisierten und institutionalisierten Tierschutzbewegung in Deutschland hervor. So heißt es in der Bitte der armen Thiere, der unvernünftigen Geschöpfe, an ihre vernünftigen Mitgeschöpfe und Herrn, die Menschen (1822):

Wen eines Thieres Quaal [sic!] erfreut,
Der wird, das kann nicht fehlen,
Kalt und gefühllos mit der Zeit
Gewiß auch Menschen quälen.
Wer frech ein Mitgeschöpf betrübt,
Und Härte, Grausamkeit verübt,
Der kann Gott auch nicht lieben.

Für Pietisten wie Dann und Knapp gab es neben theologischen auch ethische und pädagogische Gründe für den Schutz der Tiere einzutreten und Tierquälereien Einhalt zu gebieten. (Vgl. Christian Adam Dann/Albert Knapp, Wider die Tierquälerei. Frühe Aufrufe zum Tierschutz aus dem Württembergischen Pietismus. Hrsg. von Martin H. Jung. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2002, S. 28 u. 117). Albert Knapp gründete 1837 den ersten Tierschutzvereins Deutschlands.

Im Februar 1844 gab Eduard Waldau das zweite Heftchen der Erzählungen für die Jugend zur Veredelung des Herzens zunächst aber zur Verhütung der Tierquälerei heraus. Nur ein Jahr später erschien Der Struwwelpeter, ein Kinderbuch von Heinrich Hoffmann, zum ersten Mal - im Jahre 1876 folgte bereits die 100. Auflage. In diesem Buch enthalten ist Die Geschichte vom bösen Friederich, in der jene frühe anthropozentrische Besorgnis zum Ausdruck kommt, dass rohes und grausames Verhalten gegen Tiere sich auch auf das Verhalten gegenüber Menschen übertrage. Kurzum: Wer grausam zu Tieren ist, kann kein guter Mensch sein.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab der Deutsche Lehrer-Tierschutz-Verein (!) die Zeitschrift Der junge Tierschützer und in Kooperation mit dem Berliner Tierschutz-Verein den Tierschutzkalender heraus. Einzelne Pädagogen verfassten zudem Manifeste und Schriften gegen die Tierquälterei bzw. für einen respektvollen Umgang mit Tieren, zum Beispiel Julius Woeniger, Der Tierschutz in der Schule (1879), F.A. Garbs, Schule und Tierschutz (1883), Hans F. Bubbe, Tierschutz und Schule. Ein Mahnruf an die Kollegen (1898) oder Johannes Klewitz, Tierschutz und Schule (1917), in: Deutsches Philologen-Blatt. Korrespondenz-Blatt für den akademisch gebildeten Lehrerstand.

Kaum bekannt ist die in den 1950er Jahren von Mathilde Rempis-Nast in Stuttgart-Degerloch gegründete und von ihr geleitete Kinder-Tierschutz-Schule.

Fortsetzung folgt. Zudem wird in Kürze die Rubrik Literatur mit den maßgeblichen Schriften zum Thema aus Historie und Gegenwart ergänzt.